{"id":4307,"date":"2020-03-17T13:03:22","date_gmt":"2020-03-17T12:03:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.milkandhealth.com\/?p=4307"},"modified":"2020-06-18T15:18:36","modified_gmt":"2020-06-18T13:18:36","slug":"prae-pro-syn-oder-post-biotika","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.milkandhealth.com\/de\/2020\/03\/17\/prae-pro-syn-oder-post-biotika\/","title":{"rendered":"Pr\u00e4-, Pro-, Syn- oder Post-Biotika"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pr\u00e4biotika, Probiotika, Synbiotika oder Postbiotika sind Begriffe, die mit verschiedenen Aspekten fermentierter Lebensmittel und deren Wirksamkeit zu tun haben. <br>Es ist gut m\u00f6glich, bei all diesen Begriffen schnell den \u00dcberblick zu verlieren, wof\u00fcr die einzelnen Begriffe stehen und manchmal scheint es eher eine wissenschaftliche Diskussion \u00fcber Definitionen zu sein, als eine brauchbare Beschreibung. Letztendlich geht es aber auch darum, die erwartete gesundheitliche Wirkung eines Produkts oder Lebensmittels beurteilen zu k\u00f6nnen. Was ist also der Unterschied zwischen den verschiedenen -Biotika?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><em>Probiotika<\/em><\/strong> enthalten lebende Bakterien. Die Wirksamkeit wird einer bestimmten Dosis, einer bestimmten Bakterienart und sogar einem bestimmten Bakterienstamm zugeschrieben. In einem probiotischen Produkt, h\u00e4ufig einem Getr\u00e4nk, sind lebende Bakterien enthalten, die durch den Magen in den Darm gelangen und dort aktiv sind. Bekannte Bakterien mit einem guten Ruf sind Bifidobakterien sowie verschiedene St\u00e4mme von Lactobacillus, z.B. Lactobacillus paracasei CBA L74. Doch nicht jedes lebende Bakterium, das Sie aufnehmen, ist ein Probiotikum.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><em>Pr\u00e4biotika<\/em><\/strong> sind Lebensmittelbestandteile, oft bestimmte Zucker, die \u00fcber die Nahrung aufgenommen werden. Sie unterst\u00fctzen die bereits im Darm vorhandenen Bakterien im Wachstum und zwar vor allem solche Bakterienst\u00e4mme, die eine positive gesundheitliche Wirkung auf den Wirt haben. Oligosaccharide, eine Zuckerart, die auch als humane Oligosaccharide (HMO) bekannt sind, bestehen h\u00e4ufig aus nicht mehr als drei Kohlenstoffatomen. Das Kleinkind nimmt \u00fcber die Muttermilch gro\u00dfe Mengen an HMOs auf und es kann sich daraus die Darmflora entwickeln. Die Zusammensetzung der Darmflora h\u00e4ngt stark von der Muttermilchmenge, der Stilldauer, der Geburtsmethode (Vaginal, Kaiserschnitt), Antibiotika, und vielen weiteren Faktoren ab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><em>Synbiotika<\/em><\/strong> sind Produkte, die sowohl pr\u00e4biotisch als auch probiotisch wirken. Muttermilch ist tats\u00e4chlich als Synbiotikum zu bezeichnen. Sie enth\u00e4lt sowohl eine Reihe von Pr\u00e4biotika als auch allerhand Arten von probiotischen Bakterien f\u00fcr das Baby. Babys bekommen diese Bakterien von Ihrer Mutter zus\u00e4tzlich durch die vaginale Geburt und \u00fcber die Bakterien an den Brustwarzen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><em>Postbiotika<\/em><\/strong> sind die Stoffwechselprodukte der Bakterien. Zum Beispiel vermehrt die Firma Heinz <em>L. paracasei<\/em> CBA L74 aus Magermilch (15 Stunden bei 37 \u00b0C), so dass schlie\u00dflich ungef\u00e4hr 5,9 x 10<sup>9<\/sup> Bakterien pro Gramm Produkt nachgewiesen werden k\u00f6nnen. Dieses Produkt wird dann pasteurisiert und zu einem Pulver gefriergetrocknet. Das Pulver enth\u00e4lt keine lebenden Bakterien mehr, sondern nur die abget\u00f6teten Bakterienzellen und ihre Stoffwechselprodukte, was folglich als Postbiotikum gekennzeichnet wird. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn ein Produkt fermentiert wird (der Wei\u00dfkohl wird zu Sauerkraut; der schwarze Tee wird zu Kombucha, die Rohmilch wird zu Rohmilchkefir), was ist dann in diesem Produkt funktionell? Sind es die lebenden Bakterien, oder reicht es aus, nur ihre sterblichen \u00dcberreste und ihre Stoffwechselprodukte aufzunehmen? <br>Das Interesse an den Postbiotika erfolgt unter anderem aus der gleichen Argumentation heraus, wie bei der Frage, ob Rohmilch konsumiert werden soll oder nicht. Rohmilch ist potenziell gef\u00e4hrlich und so auch die lebenden Bakterien in einem probiotischen Produkt. Dabei gibt es immer drei Risikogruppen: Kleinkinder, \u00e4ltere Menschen mit geschw\u00e4chtem Immunsystem und schwangere Frauen. Um das Risiko zu vermeiden wird lieber ein Postbiotikum als ein Probiotikum gegeben. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Studie: Postbiotika bei kleinen Kindern<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seit 2017 wurden verschiedene Studien ver\u00f6ffentlicht, die die Auswirkungen eines postbiotischen Produktes untersuchen. Es handelt sich um ein abget\u00f6tetes Fermentationsprodukt, dem ein probiotischer Fermentationsprozess zugrunde liegt. Eine italienische Forschergruppe untersuchte die Auswirkungen von <em>L. paracasei<\/em> CBA L74 auf Kinder, die eine Kindertagesst\u00e4tte besuchen mit der Fragestellung, ob Infektions-krankheiten durch eine t\u00e4gliche Dosis CBA L74 reduziert werden k\u00f6nnen (Nocerino et al., 2017). In der Studie wurde sowohl die Wirkung von CBA L74 untersucht, welches aus Magermilch hergestellt, als auch solches, das bei der Reisfermentation gewonnen wird (Tabelle 1). Die Studie besitzt einen hohen Stellenwert in Bezug auf ihre wissenschaftliche Umsetzung, da es sich um eine Blindstudie handelt (d.h. niemand wei\u00df, in welcher Gruppe er \/ sie sich befindet, nicht einmal die Wissenschaftler) und sie prospektiv ist (die Kinder werden \u00fcber einen Zeitraum von 3 Monaten beobachtet und die tats\u00e4chlichen Krankheitsf\u00e4lle analysiert).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tabelle\n1. Ergebnisse der postbiotischen Behandlungsstudie bei drei Gruppen von Kindern<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table><tbody><tr><td><\/td><td>Milch CBA L74<\/td><td>Reiss CBA L74<\/td><td>Kontrolle (keine)<\/td><\/tr><tr><td>Anzahl Kinder<\/td><td>137<\/td><td>118<\/td><td>122<\/td><\/tr><tr><td>Alter in Monate<\/td><td>32<\/td><td>31<\/td><td>34<\/td><\/tr><tr><td>Mindestens eine Infektion<\/td><td>52%<\/td><td>66%<\/td><td>80%<\/td><\/tr><tr><td>Obere Atemweginfektion<\/td><td>48%<\/td><td>59%<\/td><td>71%<\/td><\/tr><tr><td>Ohrenentz\u00fcndung<\/td><td>2%<\/td><td>4%<\/td><td>15%<\/td><\/tr><tr><td>Akuter Durchfall<\/td><td>13%<\/td><td>29%<\/td><td>31%<\/td><\/tr><tr><td>Risiko wiederhohlter Infektionen<\/td><td>10%<\/td><td>22%<\/td><td>37%<\/td><\/tr><tr><td>Risiko einer medizinischen Behandlung (OR)<\/td><td>0,26<\/td><td>0,55<\/td><td>1,00<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Kinder sind etwas mehr als 2\u00bd Jahre und in beiden Gruppen, die CBA L74 erhalten, ist ein starker R\u00fcckgang der Anzahl von Infektionen, Atemproblemen, Ohrenentz\u00fcndungen und auch Durchfall zu verzeichnen. In der Milch-CBA-Gruppe sind die Auswirkungen h\u00e4ufig ausgepr\u00e4gter, aber auch in der Reis-CBA-Gruppe sind Krankheiten deutlich reduziert. Die Forscher ordnen die Unterschiede zwischen Milch- und Reisfermentation als nicht signifikant ein. <br>Die medizinischen Behandlungen der Kinder wurden stark reduziert, was eine gro\u00dfe Bedeutung hat. Als Odds Ratio (OR) ausgedr\u00fcckt und im Vergleich zur Kontrollgruppe (= 1,00) wurde insbesondere die medizinischen Behandlungen in der Milch-CBA L74 Gruppe um 75% reduziert. In diesen Studien wurden nur die die bakteriellen Stoffwechselprodukte eingenommen, nicht die Bakterien selbst. Zu diesen Stoffwechselprodukten geh\u00f6ren kurzkettige Fetts\u00e4uren wie Butyrat, Propionat und Acetat, aber auch Produkte, die das Immunsystem regulieren. Die Darmflora der Kinder wird durch die Aufnahme solcher Stoffwechselprodukte beeinflusst. Nocerino et al. (2017) fanden heraus, dass in beiden CBA L74-Gruppen ein signifikanter Anstieg der Immunpeptide zu verzeichnen ist. Solche Peptide sind f\u00fcr die Unterdr\u00fcckung des unerw\u00fcnschten Bakterienwachstums verantwortlich, welches bei Infektionen oder Durchfall auftreten kann. Das Vorhandensein lebender Bakterien ist also nicht unbedingt erforderlich, um einen solchen Effekt zu erzielen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Studie: Postbiotika bei M\u00e4usen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine zweite Studie, diesmal an M\u00e4usen, untersuchte, inwieweit ein anderes postbiotisches Produkt Einfluss auf Angst und Verhalten der M\u00e4use hatte (Warda et al., 2019). In der Studie handelt es sich um ADR-159, basierend auf Lactobacillus fermentum und Lactobacillus delbruecki. Auch hier wurde das Endprodukt pasteurisiert und keine lebenden Bakterien aufgenommen. Nach 3 Wochen Di\u00e4t, unabh\u00e4ngig davon, ob sie das Postbiotikum erhielten oder nicht, wurden die Tiere allen Arten von Stresstests unterzogen. Die Tiere wurden dann nach 6 Wochen get\u00f6tet und ihr Blut und ihre Organe weiter untersucht. Jede Woche wurde Kot gesammelt, um zu sehen, wie sich die Darmflora in beiden Gruppen entwickelte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">ADR-159-M\u00e4use hatten nach 6 Wochen einen niedrigeren Corticosteronspiegel. Diese hormon\u00e4hnliche Substanz beeinflusst unter anderem das Energieniveau, die Immunantworten und reguliert das Stressniveau. Die Forscher interpretieren die Ergebnisse der verschiedenen Parameter so, dass ADR-159 eine beruhigende Wirkung auf die M\u00e4use hat. Es ist interessant, dass die Verhaltens\u00e4nderung mit einer Verschiebung der Darmflora einhergeht, ein Hinweis f\u00fcr die Gehirn-Darm-Verbindung. Aus der Literatur ist au\u00dferdem bekannt, dass verschiedene Gruppen von Darmbakterien, die sich von den in dieser Studie untersuchten Bakterien signifikant unterschieden, mit den positiven Ergebnissen dieser Studie in Verbindung gebracht werden k\u00f6nnen, sowie niedrigerer Corticosteron-spiegel, erh\u00f6hte soziale Interaktionen, und weniger Stress.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weitere\nForschungen m\u00fcssen bestimmen, wie der Wert und der Mehrwert lebender Bakterien\nmit den abget\u00f6teten Bakterien und ihren Stoffwechselprodukten verglichen werden\nk\u00f6nnen, und es muss auch klar werden, welche Unterschiede im Ausgangsmaterial\nbestehen. Fast alle Forschungsarbeiten erfolgen auf der Basis von\nsterilisierter Magermilch ohne Milchfett. Zuk\u00fcnftige Forschungen werden zeigen,\nob und welche Bedeutung rohe Vollmilch als Ausgangspunkt hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pr\u00e4biotika, Probiotika, Synbiotika oder Postbiotika sind Begriffe, die mit verschiedenen Aspekten fermentierter Lebensmittel und deren Wirksamkeit zu tun haben. 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