{"id":5834,"date":"2021-05-19T05:16:25","date_gmt":"2021-05-19T03:16:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.milkandhealth.com\/?p=5834"},"modified":"2021-05-19T05:16:26","modified_gmt":"2021-05-19T03:16:26","slug":"wiederkaeuer-in-unserem-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.milkandhealth.com\/de\/2021\/05\/19\/wiederkaeuer-in-unserem-leben\/","title":{"rendered":"Wiederk\u00e4uer in unserem Leben"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Take home message<\/h3>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Der Milchkonsum breitete sich auch schon fr\u00fch in Afrika aus. Afrikanische Hirten sind nachweisbar laktasepersistent, was ihnen die M\u00f6glichkeit gibt, neben sauren, fermentierten Milchprodukten auch frische Milch von Schafen, Ziegen oder K\u00fchen zu trinken.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Zahnsteinforschung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn Zahnsteinreste von ausgegrabenen Sch\u00e4deln analysiert werden, findet man Beta-Lactoglobulin (BLG). BLG ist ein typisches Molkenprotein, das aus Milch von Wiederk\u00e4uern stammt und daher nach dem Verzehr von Milch im Zahnstein landet. Kleine Verschiebungen in der Aminos\u00e4urezusammensetzung zeigen, ob die Milch von einer Ziege, einem Schaf oder einer Kuh stammt (Abb. 1). Der Befund von BLG der drei Wiederk\u00e4uer im Zahnstein menschlicher \u00dcberreste zeigt, dass es Milch im Speiseplan gab, und auch von welchem Wiederk\u00e4uer die Milch getrunken wurde.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"904\" height=\"304\" src=\"https:\/\/www.milkandhealth.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2021.Bleasdale_BLG-koe-schaap-geit.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-5474\" srcset=\"https:\/\/www.milkandhealth.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2021.Bleasdale_BLG-koe-schaap-geit.png 904w, https:\/\/www.milkandhealth.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2021.Bleasdale_BLG-koe-schaap-geit-300x101.png 300w, https:\/\/www.milkandhealth.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2021.Bleasdale_BLG-koe-schaap-geit-768x258.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 904px) 100vw, 904px\" \/><figcaption><em><br>Abb. 1: Beta-Lactoglobulin (links) hat an Position 71 und 148 eine weitere Aminos\u00e4ure f\u00fcr Kuh, Ziege und Schaf (rechts). Das erm\u00f6glicht es, mit Sicherheit zwischen der Herkunft der Milch im Zahnstein zu unterscheiden (aus: Bleasdale et al., 2021).<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Basierend auf der Analyse mehrerer Sch\u00e4del aus verschiedenen Epochen konnten Forscher das Verteilungsmuster des Milchkonsums (Ziege, Schaf, Kuh) in Afrika bestimmen. \u00dcberreste der BLG kleiner Wiederk\u00e4uer wurden um 4000 v. Chr. gefunden, sp\u00e4ter die der Kuh als gr\u00f6\u00dferer domestizierter Wiederk\u00e4uer. Es handelt sich um Pastoralismus, pastoralen V\u00f6lkern, die sich von der Sahara \u00fcber die Ostseite des afrikanischen Kontinents nach S\u00fcden ausbreiteten (Abb. 2). Diese Hirten nutzten die Milch der Wiederk\u00e4uer, womit sie einen Vorteil hatten. Durch die Milchnahrung konnten diese Hirten sich gut mit Eiwei\u00df und Fett versorgen, das aus der Beweidung der Savannen-Vegetation stammte. Das Vorhandensein von Wiederk\u00e4uern erm\u00f6glichte das Leben in solchen trockenen Regionen (Bleasdale et al., 2021).<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"904\" height=\"570\" src=\"https:\/\/www.milkandhealth.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2021.Blesadale_trek-mensen-Afrika.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-5477\" srcset=\"https:\/\/www.milkandhealth.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2021.Blesadale_trek-mensen-Afrika.png 904w, https:\/\/www.milkandhealth.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2021.Blesadale_trek-mensen-Afrika-300x189.png 300w, https:\/\/www.milkandhealth.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2021.Blesadale_trek-mensen-Afrika-768x484.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 904px) 100vw, 904px\" \/><figcaption><em><br>Abb. 2. Die Funde von Beta-Lactoglobulin in menschlichen Sch\u00e4deln, die in verschiedenen alten Grabst\u00e4tten in Ostafrika gefunden wurden (B. Rechts), und der Weg, wie sich Pastoralisten in Tausenden von Jahren durch Afrika ausbreiteten (A. Links). Beispiel: 6000ya = vor 6000 Jahren = 4000 Jahre vor Christus (aus: Bleasdale et al., 2021).<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Kulturell oder genetisch? Nurture or nature?<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es wird oft diskutiert, ob die Menschen zuerst Milch von Tieren tranken, woraufhin die genetische Anpassung und Ver\u00e4nderung erfolgte. Dabei blieb nach dem Abstillen ein aktives Laktase-Enzym bei dem jungen Kind erhalten. In Afrika gibt es eine genetische Laktasepersistenz, es gibt mehrere Ver\u00e4nderungen in der menschlichen DNA, die eine Laktoseverdauung bei Erwachsenen erm\u00f6glichen. Das steht im Gegensatz zu den Hirten in der Mongolei, die immer noch genetisch laktoseintolerant sind, aber vor allem von saurer, fermentierter Milch leben. Der gr\u00f6\u00dfte Teil der Laktose wird bei der Fermentierung in Milchs\u00e4ure umgewandelt. Die Anpassung an Milch wird als kulturelle Anpassung bezeichnet. Was nicht ausgeschlossen werden kann, ist, dass auf eine erste kulturelle Anpassung (Trinken von sauren Milchprodukten) in Afrika sp\u00e4ter eine genetische Anpassung (Trinken von s\u00fc\u00dfen Milchprodukten) folgte. Es ist jedoch klar, dass die M\u00f6glichkeit dieser neuen Art von Lebensmitteln (Milch, Milchprodukte) es den Pastoralisten erm\u00f6glichte, zu \u00fcberleben und allm\u00e4hlich in neue, oft trockene Regionen Ostafrikas zu expandieren. Die Funde im Zahnstein werden mit Resten von Milchfett best\u00e4tigt, die in den Steintopfresten gefunden wurden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"564\" height=\"845\" src=\"https:\/\/www.milkandhealth.com\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Verser-kan-het-niet.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2241\" srcset=\"https:\/\/www.milkandhealth.com\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Verser-kan-het-niet.jpg 564w, https:\/\/www.milkandhealth.com\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Verser-kan-het-niet-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 564px) 100vw, 564px\" \/><figcaption><em><br>Frischer geht nicht<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es wurde <a href=\"https:\/\/www.milkandhealth.com\/de\/tag\/laktose-intoleranz\/\" data-type=\"post_tag\" data-id=\"140\">bereits beschrieben<\/a>, dass die meisten Kaukasier (genetisch: Wei\u00dfe aus (West-) Europa) s\u00fc\u00dfe Milch nach dem Abstillen verdauen k\u00f6nnen. Es gibt einen starken Zusammenhang mit den Regengebieten entlang der Atlantik- und Nordseek\u00fcste, wo sich die \u00a0Weidefl\u00e4chen der K\u00fche ausgedehnt haben. Aus dem Gebiet des Halbmonds (Irak) zogen die Viehhalter allm\u00e4hlich weiter nach Westen und Norden in das sp\u00e4tere Europa. Auch unter den Menschen mit kaukasischem Hintergrund hat, unabh\u00e4ngig von der afrikanischen schwarzen Hirtenbev\u00f6lkerung, eine eigene genetische Anpassung an den \u201esp\u00e4ten, jedoch bleibenden Konsum von frischer Milch\u201c stattgefunden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schlie\u00dflich kommt die Geschichte der Europ\u00e4er, die Amerika entdeckten und das neue Land in verschiedenen Migrationswellen (16. und 17. Jahrhundert) kolonisierten. Die Geschichten erz\u00e4hlen, dass der Erfolg der Kolonisten an den Ostk\u00fcste erst erfolgreich war, als sie auch K\u00fche aus Westeuropa mitbrachten. Wie die afrikanischen Pastoralisten konnten das Milchprotein und das Milchfett, die die K\u00fche aus Gras hergestellt haben, als Vollnahrung zum \u00dcberleben verwendet werden. Ohne K\u00fche war das Hungerrisiko viel h\u00f6her. Diese letzte Wanderung auf einen neuen Kontinent hat nichts mehr mit Anpassungen zu tun. Es waren bereits angepasste Kaukasier (die Wei\u00dfen), die in einer landwirtschaftlichen Gemeinschaft mit Wiederk\u00e4uern besser gedeihten als ohne. Eine &#8222;milchbasierte Wirtschaft&#8220; kann daher als eine Gesellschaft zwischen Menschen und Wiederk\u00e4uern verstanden werden, eine kulturelle Tradition, die seit 10.000 Jahren besteht und erst in den letzten 50-100 Jahren zu Problemen in Bezug auf Haltung, Tierschutz und Umwelt gef\u00fchrt hat.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Literatur<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Bleasdale, M., Richter, K. K., Janzen, A. et al., (2021). Ancient proteins provide evidence of dairy consumption in eastern Africa. Nature communications, 12(1), 1-11.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Take home message Der Milchkonsum breitete sich auch schon fr\u00fch in Afrika aus. Afrikanische Hirten sind nachweisbar laktasepersistent, was ihnen die M\u00f6glichkeit gibt, neben sauren, fermentierten Milchprodukten auch frische Milch von Schafen, Ziegen oder K\u00fchen zu trinken. 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