{"id":5956,"date":"2021-06-13T06:58:38","date_gmt":"2021-06-13T04:58:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.milkandhealth.com\/?p=5956"},"modified":"2021-07-04T11:20:30","modified_gmt":"2021-07-04T09:20:30","slug":"milchkonsum-der-fruehen-menschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.milkandhealth.com\/de\/2021\/06\/13\/milchkonsum-der-fruehen-menschen\/","title":{"rendered":"Milchkonsum der fr\u00fchen Menschen"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Take home message<\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Die Verwendung von Milch begann in Europa in der Jungsteinzeit. Angefangen mit Ziegen und Schafen entwickelte sich der Milchkonsum von S\u00fcden nach Norden \u00fcber die an Atlantik- und Nordseek\u00fcste grenzenden L\u00e4nder und Regionen sukzessive. Je n\u00f6rdlicher, desto mehr Ziegen und Schafe wurden durch K\u00fche ersetzt und desto mehr Milch konsumierten die Menschen. Inzwischen war der europ\u00e4ische Mensch genetisch laktase-persistent geworden.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie findet man heraus, was die Menschen seit der Steinzeit gegessen haben? Wann und in welchem Umfang wurde Milch Bestandteil ihrer Ern\u00e4hrung? Wie schnell hat sich der Milchkonsum in Europa entwickelt? Es gibt verschiedene Methoden, um zu verstehen, was Menschen in verschiedenen Regionen und in verschiedenen Jahrtausenden von der Entwicklung bis zum heutigen Menschen konsumiert haben. Erstens ist es m\u00f6glich, die Reste von Fetten in der verwendeten Keramik zu analysieren: waren diese von Fleisch- (Schwein, Rind, Schaf) oder von Milchfett? Dann die T\u00f6pfe selbst, ihre Form. Es ist klar, dass Milchprodukte oft in einer anderen Art von T\u00f6pfen gelagert wurden statt in keramischen Kocht\u00f6pfen. Schlie\u00dflich geben die Mineralien in den Knochen Aufschluss, sowie speziell im Dentin. Anhand des sogenannten Isotopenverh\u00e4ltnisses verschiedener Elemente (z.B. Kohlenstoff als <sup>12<\/sup>C und <sup>13<\/sup>C, Calcium als <sup>42<\/sup>Ca oder <sup>44<\/sup>Ca) sind Aussagen \u00fcber die Ern\u00e4hrung zu treffen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Aufkl\u00e4rung: stabile Isotope<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\"><em>Isotope sind chemische Elemente mit unterschiedlichem Molekulargewicht. Das kleinste Element ist Wasserstoff (H). Wasserstoff hat in seinem Kern 1 Proton und 1 Neutron. Elektronen kreiseln um jeden Wasserstoffkern. Zusammen bestimmen sie das Atomgewicht des Molek\u00fcls Wasserstoff. Kohlenstoff dagegen hat 6 Protonen und ein Atomgewicht von 12 (6 Protonen plus 6 Neutronen) (= <sup>12<\/sup>C). Es gibt jedoch zwei Formen oder Isotope, darunter <sup>13<\/sup>C, die eine schwerere Form von normalem Kohlenstoff sind. Es gibt auch ein <sup>14<\/sup>C, das radioaktive Eigenschaften hat. Calcium ist ein wichtiges Element in Knochen. Calcium hat 20 Protonen und ein Atomgewicht von 40 (= <sup>40<\/sup>Ca). Es gibt verschiedene Isotope, wie <sup>42<\/sup>Ca und <sup>44<\/sup>Ca. Die Analyse stabiler Isotope er\u00f6ffnet die M\u00f6glichkeit, die Ern\u00e4hrung zu analysieren, da Pflanzen, Fleisch oder Milch unterschiedliche Isotopenverh\u00e4ltnisse in den Knochen hinterlassen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der Anfang der Landwirtschaft im Fruchtbaren Halbmond (Irak)<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der \u00dcbergang vom J\u00e4ger und Sammler zum Landwirt dauerte lange. Dazu notwendig war ein fester Wohnsitz, das Vermehren und S\u00e4en von Wildk\u00f6rnern und anderen essbaren Pflanzen, die Z\u00fcchtung von u.a. Getreide. Dar\u00fcber hinaus die Z\u00e4hmung von Tieren, den Wiederk\u00e4uern, zun\u00e4chst f\u00fcr die Fleischproduktion, sp\u00e4ter f\u00fcr ihre Milch. Man ist nicht von heute auf morgen Bauer, und ein Auerochse ist nicht im Handumdrehen zahm. Diese Domestikation beinhaltete die Aufzucht, Unterbringung, F\u00fctterung dieser Tiere, die Kontrolle des Kalbemusters, um Milch zu erhalten, ganz zu schweigen von der Entw\u00f6hnung der Nachkommen, wobei die Mutter auch danach noch Milch geben musste. Es ist ein Prozess von Hunderten bis Tausenden Jahren Kulturentwicklung und genetischer Anpassung des Menschen selbst in Form von Laktase-Persistenz, der F\u00e4higkeit, Laktose als Erwachsener weiter zu verdauen. Die Herstellung von Steinwerkzeugen nur mit Hilfe anderen Steinen ist ein m\u00fchsamer Prozess. Wichtig war auch die Erfindung des Rades, um Waren leichter transportieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir sprechen von etwa 11.000 v. Chr., 13.000 bP (= bevor heute), der sogenannten Jungsteinzeit und der kulturellen Phase der neolithischen Revolution: dem Entstehen der Landwirtschaft in der Steinzeit. Damit verbunden sind die keramischen Epochen, die die Einf\u00fchrung gebrannter T\u00f6pferwaren bedeuten, die zum Kochen, Konservieren und Verarbeiten von Lebensmitteln ben\u00f6tigt werden. Die Ansiedlung machte es auch notwendig, Nahrung f\u00fcr die nicht produktiven Jahreszeiten zu ernten und zu bewahren.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Milchverbrauch durch die Jahrtausende<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Forschung von Tacail et al. (2021) wurde das Verh\u00e4ltnis von <sup>44<\/sup>Ca und <sup>42<\/sup>Ca in Knochenfunden bestimmt, um herauszufinden, ab wann die Menschen anfingen, Milch zu trinken. Die Ergebnisse wurden mit zwei modernen V\u00f6lkern verglichen, die keinen Milchkonsum kennen: den Baka aus Kamerun und den Melanesiern aus Neukaledonien. Sie a\u00dfen alles M\u00f6gliche, Milchprodukte ausgenommen. Zum Vergleich wurden Gruppen von Menschen untersucht, die von Milch und Milchprodukten leben, wobei umgerechnet etwa 50-70% des t\u00e4glichen Kalziums aus Milch stammt. Das Verh\u00e4ltnis in dem Knochen von <sup>44<\/sup>Ca\/<sup>42<\/sup>Ca konnte verwendet werden, um den Milchkonsum zu bestimmen. F\u00fcr das <sup>44\/42<\/sup>Ca-Verh\u00e4ltnis macht es einen Unterschied, ob Calcium aus Pflanzen, Eiern, Fleisch oder Fisch oder aus Milchprodukten stammt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anhand der Lage und des Alters der ausgegrabenen Knochenreste und Skelette wurde dann untersucht, wie sich das 44\/42Ca-Verh\u00e4ltnis im Zeitverlauf (von vor 13.000 Jahren bis heute) ver\u00e4ndert hat. In Abbildung 1 entspricht die Abnahme des Isotopenverh\u00e4ltnisses der Zunahme des Milchkonsums. Diese Linie zeigt in einer geraden Linie den Zusammenhang mit einem Anstieg des Milchverbrauchs.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"694\" height=\"646\" src=\"https:\/\/www.milkandhealth.com\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/2021.Tacail_Isotopen-tijd.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-5750\" srcset=\"https:\/\/www.milkandhealth.com\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/2021.Tacail_Isotopen-tijd.png 694w, https:\/\/www.milkandhealth.com\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/2021.Tacail_Isotopen-tijd-300x279.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 694px) 100vw, 694px\" \/><figcaption><em><em>Abb. 1. Der Zusammenhang des Isotopenverh\u00e4ltnisses <sup>44\/42<\/sup>Ca (vertikal); (horizontal: Start vor 10.000 Jahren bis heute) als Ausdruck des zugenommen Konsums von Milchprodukten. Die Namen weisen auf die unterschiedlichen Funde hin (entnommen aus Tacail et al., 2021).<\/em><\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Milchreise durch Europa<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Cubas et al., (2020) verwendeten die Isotopentechnik bei Funden von Speiseresten in Tont\u00f6pfen. Durch die enorme Sensibilit\u00e4t dieser Labortechnik kann man mit Spuren von Speiseresten eine Aussage dar\u00fcber treffen, was im Topf gekocht oder gelagert wurde. Mehr als 230 Funde von Fetts\u00e4uren, Kohlenstoffisotopen in den Fetten, insbesondere das <sup>13<\/sup>C, konnten verwendet werden. Die Kombination der Fetts\u00e4uren C16:0 und C18:0 (Palmitin- und Stearins\u00e4ure) und des <sup>13<\/sup>C-Isotops bestimmt, ob das gefundene Fett aus Rinder-, Schweine- oder Milchfett stammt. Cubas interessierte, wie sich der Milchkonsum in Europa entwickelte, wie sich der Milchkonsum vom Einzugsgebiet des Euphrat und Tigris (heute Irak) \u00fcber die griechischen Inseln und Italien, Portugal nach Norden entlang der Atlantikk\u00fcste ausbreitete.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schaut man sich die Wiesenregionen Europas an, in denen sich vor allem die Milchwirtschaft entwickelt hat, findet man entlang der Atlantikk\u00fcste zuerst die iberische Halbinsel, n\u00e4mlich Portugal und Galizien (Spanien), dann Normandie und Bretagne (Frankreich), weiter entlang der Nordseek\u00fcste Belgien, die Niederlande, Norddeutschland und D\u00e4nemark sowie die britischen Inseln (England, Schottland, Wales und Irland) zwischen Atlantik und Nordsee. Die Gr\u00fcnlandfl\u00e4chen stehen mit dem warmen Golfstrom und einem Niederschlags\u00fcberschuss im Zusammenhang.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei den Messungen des <sup>13<\/sup>C-Isotops aus Milch fanden die Forscher entlang der K\u00fcste ein Gef\u00e4lle von S\u00fcden nach Norden. Der Steinzeitmensch begann in S\u00fcdeuropa (mit Ziegen und Schafen) und zog allm\u00e4hlich nach Mittel- und Nordeuropa, zunehmend auf der Grundlage von Kuhmilch. Bei der Auswertung der sp\u00e4teren und n\u00f6rdlicheren Funde wurde deutlich, dass die Bedeutung von Milchprodukten in der Ern\u00e4hrung zugenommen hat (mehr Funde) und zunehmend auf Kuhmilch basiert. Nur im s\u00fcdlichen Teil gab es zu Beginn der Steinzeit eine Mischung aus Fetten aus Fleisch und Milch von Schafen und Ziegen. Die schnellsten Ver\u00e4nderungen in Menge und Art des Milchkonsums fanden \u00fcber einen Zeitraum von 1.500 Jahren zwischen 5.400 bP (S\u00fcden) und 3.500 bP (Britische Inseln) statt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Analyse von Isotopen von Rindern aus Bercy in Nordfrankreich zeigt, dass die Verl\u00e4ngerung der Geburtssaison und das fr\u00fche Absetzen der K\u00e4lber mit einer gewissen Intensivierung der Milchwirtschaft zu Beginn des 4. Jahrtausends v. Chr. zeitgleich mit der Ankunft von Rindern in Gro\u00dfbritannien einhergingen. Der Mensch wurde immer erfolgreicher darin, K\u00fche f\u00fcr die Milchgewinnung zu domestizieren und zu z\u00fcchten. Um diese Zeit (4. Jahrtausend v. Chr.) war auch in anderen n\u00f6rdlicheren Gebieten (Schleswig-Holstein, D\u00e4nemark und im Baltikum) von Domestikation und Viehzucht die Rede, aber auch von der Z\u00fcchtung von Kulturpflanzen. Dies bedeutet, dass die Bauern den n\u00f6rdlichen Teil Europas erreicht hatten. In Nordeuropa wird dieser neue Schritt als Trichterbecherkultur angek\u00fcndigt. Spezielle T\u00f6pferwaren wurden eingef\u00fchrt, um Milch in schmalen Bechern, flaschenf\u00f6rmigen T\u00f6pfen und Sch\u00fcsseln aufzubewahren und zu verarbeiten. Fr\u00fchneolithische Kulturen waren noch laktose-intolerant. Erwachsene konnten keine Milch verdauen, ohne Darmprobleme zu bekommen. Menschen mit kaukasischem Hintergrund (sprich: der wei\u00dfe europ\u00e4ische Mensch) haben sich jedoch in kurzer Zeit an die s\u00fc\u00dfe, noch nicht fermentierte Milch in ihrer Ern\u00e4hrung angepasst. Es gibt wohl mehrere genetische Anpassungen, die den modernen kaukasischen Menschen, innerhalb einige Jahrtausenden, von einer Laktose-Intoleranz zu einer Laktase-Persistenz f\u00fchrten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Literatur<\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><em>Cubas, M., Lucquin, A., Robson, H. K., Colonese, A. C., Arias, P., Aubry, B., &#8230; &amp; Craig, O. E. (2020). Latitudinal gradient in dairy production with the introduction of farming in Atlantic Europe. Nature communications, 11(1), 1-9.<\/em><\/li><li><em>Tacail, T., Martin, J. E., Herrscher, E., Albalat, E., Verna, C., Ramirez-Rozzi, F., &#8230; &amp; Balter, V. (2021). Quantifying the evolution of animal dairy intake in humans using calcium isotopes. Quaternary Science Reviews, 256, 106843.<\/em><\/li><\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Take home message Die Verwendung von Milch begann in Europa in der Jungsteinzeit. Angefangen mit Ziegen und Schafen entwickelte sich der Milchkonsum von S\u00fcden nach Norden \u00fcber die an Atlantik- und Nordseek\u00fcste grenzenden L\u00e4nder und Regionen sukzessive. Je n\u00f6rdlicher, desto &hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":3297,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[167,160],"tags":[131,135,140],"class_list":["post-5956","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichte","category-gesundheit","tag-evolution","tag-geschichte","tag-laktose-intoleranz"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.milkandhealth.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5956","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.milkandhealth.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.milkandhealth.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.milkandhealth.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.milkandhealth.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5956"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.milkandhealth.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5956\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5957,"href":"https:\/\/www.milkandhealth.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5956\/revisions\/5957"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.milkandhealth.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3297"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.milkandhealth.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5956"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.milkandhealth.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5956"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.milkandhealth.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5956"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}